Wut hoch drei: Phasen der Arbeitslosigkeit

Üblicherweise verläuft eine durchschnittliche Arbeitslosenkarriere unterschiedliche Phasen. Dabei erleben die Betroffenen ein Wechselbad der Gefühle: Das Spektrum reicht von Wut über Enttäuschung und Trauer bis zum absoluten Fatalismus.

Die nebenstehende Grafik zeigt Ihnen auf, was genau wann passiert und wie diese Entwicklung genau abläuft.

Startpunkt der Entwicklung ist Punkt 1:

Die Kündigung ist da oder die Kündigung ist abgeschickt. Die verschiedensten Gefühle können in diesem Moment aufkommen. Wut, aber auch Freude und Erlösung ebenso wie Trauer über den Verlust. Die Kurve sinkt nach unten.

An Punkt 2 wird klar, was eigentlich genau passiert ist und vor allem, welche Folgen das Ereignis nach sich ziehen kann. Angst ist an dieser Stelle das vorrangig dominante Gefühl. Angst vor einer Ungewissheit und Unsicherheit, die bisher unbekannt war. Manche haben hier bereits auch schon Angst vor der Angst überhaupt.

Dann folgt Phase 3 – in der Grafik als Punkt 3 markiert. Die Erkenntnis der möglichen Folgen sorgt dafür, dass Bewerbungsaktivitäten in Angriff genommen werden. Oft sind es sogar sehr viele Bewerbungen, die versendet werden. Die Stimmung dabei hat sich gewandelt. Aus der Angst wird Hoffnung und positiv besetzte Erwartung. „Bestimmt finde ich schon wieder einen Job. Bis Weihnachten oder bis zum Sommerurlaub habe ich wieder was“, ist der Tenor. Schlimm wird es, wenn das nicht klappt. Wenn die vielen Bewerbungen nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben.

Dann folgt nämlich Punkt 4. Versagensängste und Zukunftsängste kommen hoch. „Ich werde ja auf dem Arbeitsmarkt überhaupt nicht mehr gebraucht“, ist hier die mögliche bittere Erkenntnis. Die Laune sinkt und aggressive Medienberichterstattung („Mit 49 zu alt für Bürojob“) bleibt nicht ohne negative Wirkung. Aber es kann noch schlimmer kommen.

In Phase 5 ist der zweite Tiefpunkt erreicht. Absoluter Frust macht sich breit und Motivationslosigkeit bestimmt das Leben. Die Sichtweise, der Blick wird enger: Der Tunnelblick sieht nur noch schwarz und keinen Hoffnungsschimmer mehr am Horizont. „Das bringt doch alles nix. Ich bewerbe mich doch nicht nur um Absagen zu kassieren. Nee, das lasse ich jetzt schön bleiben.“ Mit diesen Kernaussagen sorgen die Menschen, die den zweiten Tiefpunkt erreicht haben dafür, dass sich ihr Leben ändert. Aber keineswegs hin zum Positiven. Mit großflächiger Schwarzmalerei und ohne genügend Geld im Portemonnaie bleiben oftmals in dieser Phase soziale Kontakte auf der Strecke. Das eigene Verhalten ändert sich, das Leben wird von der Arbeitslosigkeit bestimmt. Doch nach Regen blinkt auch irgendwann wieder die Sonne auf, könnte man meinen. Doch in diesem Verlauf der Arbeitslosigkeit wird ab Punkt 5 nicht mehr so wie früher. Auch wenn es wieder zu Aktivitäten kommt.

Dies ist der Fall in Phase 6. Schließlich wollen Betroffene es nicht auf sich sitzen lassen, dass nichts mehr passiert. Dass alles so bleibt wie es ist. Nein: „So kann es ja nicht weiter gehen“, heißt es in diesem Moment und es kommt doch, allem zum Trotz, wieder zu einigen Bewerbungsaktivitäten. Allerdings sind die Bewerber hier nicht mehr wirklich zu 100 Prozent bei der Sache. Mental abgebrüht und psychisch enttäuscht geht das Ganze nur noch halbherzig über die Bühne.

Wenn Sie die Kapitel bis hierher gelesen haben, dann wissen Sie genau, dass Halbherzigkeit im Bewerbungsprozess kein Erfolgsrezept darstellt. Im Gegenteil. So wird erfolgreich auf den nächsten Moment, die Endphase 7 zu gesteuert.

Menschen in Phase 7 habe ich viele kennen gelernt. Sie bewerben sich selten. „Ich weiß was ich will. Aber für mich gibt es wirklich nur noch ganz wenig Stellenangebote, die interessant sind“, sagen sie und verkennen dabei die Realität.

Die Wirklichkeit hat sich verschoben: Sie leben wie in einer kleinen Schneekugel, die sie sich selbst eingerichtet haben. Doch darin sind sie nicht allein. Nein, anderen geht es ja ähnlich und schließlich hilft man sich ja weiter. Öfters gibt es in der Nachbarschaft was zu tun. Der eine braucht einen neuen Terrassenbelag, der andere hat Hexenschuss und kann seine Hecke nicht mehr selbst schneiden.

Sie ahnen bereits, worauf ich hinaus will: Schwarzarbeit ist in Phase 7 kein Geheimnis mehr. Dabei verkennen die Betroffenen die Möglichkeiten von Zoll, ARGen und den neugierigen Nachbarn. Neue Probleme zerreißen den grauen Schleier des tristen Arbeitslosenalltags und können langfristige üble Folgen haben.

„Herr Felske, können wir hier ehrlich miteinander reden. Und bleibt das auch alles unter uns?“, fragte mich eine Mitzwanziger, der eigentlich noch nie gearbeitet hatte. „Selbstverständlich, ich kann schweigen“, antwortete ich prompt. „Wenn Sie es genau wissen wollen, ich meine, so ganz ehrlich, dann muss ich Ihnen sagen, dass ich für das Arbeiten überhaupt nicht geschaffen bin“, meinte der junge Bursche.

Meine Antwort, dass mir Ähnliches morgens um halb sechs, wenn der Wecker klingelt, auch durch den Kopf schießen würde, erreichtee ihn keineswegs. Ein Blick in seine Augen sprach Bände: Wer so nebenbei mit kleineren Deals (Drogen o.ä.) seine Haushaltskasse aufbessert, der braucht nicht für 7,51 € Stundenlohn arbeiten zu gehen. Der hat es leichter – bis er geschnappt wird.

Auf diesen Hinweis antwortete er: „Mich kriegt keiner. Und wenn, dann brauche ich keine Miete und Heizung mehr zu zahlen.“

Dieser Fall ist bestimmt völlig extrem und vielleicht ein Sonderfall. Aber kennen gelernt habe ich auch den Garten- und Landschaftsbauer, dem immer im Oktober das so sehr wetterfühlige Knie schmerzt und er deshalb nicht arbeiten kann.

Dieser 40jährige handelt nicht mit illegalen Dingen, aber er züchtet Kaninchen. „Deutsche Riesen. Die bringen ganz viel Fleisch, wissen Sie!“ Freunde und Verwandte bestellen immer für die Weihnachtsfeier und im nächsten Jahr „fange ich auch noch mit Gänsen an.“ Ich frage mich dann schon, ob dieser „Tierfreund“ seine Schäfchen auch im Monat Oktober richtig füttert!

Tragischer, viel tragischer aus meiner Sicht ist der ehemalige Gastronom, der einst 5 Unternehmen besaß. Lange Zeit lief alles gut, „sehr gut sogar. Ich buchte sogar bekannte Acts für meine Gäste. Leute, die am Ballermann auftraten, die hatte ich alle hier. In meinen Läden ging es richtig rund.“

Veränderungen im Wettbewerb sorgten für den raschen Niedergang seiner Betriebe und das finanzielle Aus. Mit Schulden und Negativeinträgen in allen nur denkbaren Registern war er Kunde bei der örtlichen ARGE. Er sah keine Möglichkeit und wegen Abzahlungsverpflichtungen bei Einkünften auch keine echte Motivation wieder einen Job aufzunehmen. Mit Trauer im Blick erzählte er mir: „Ich habe mich so gut es geht eingerichtet. Außerdem habe ich gemerkt, dass ich nicht nur anspruchsloser sondern auch viel langsamer werde. Wenn ich einen Blick auf meinen Lebenslauf werfe, dann kann ich mir überhaupt nicht mehr vorstellen, dass ich das alles mal gemacht habe, dass ich der bin, der im Lebenslauf gemeint ist.“ Fatale Resignation bestimmt sein Leben und wirkliche Freude kommt nur noch auf, wenn er Zeit mit seinem kleinen Enkel verbringt.

 

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